Vorwort zu MAKING CONNECTIONS

von David Kaetz © 2009 Übersetzung: Andrea Sedminek


Woher kommt Moshe Feldenkrais? Keine leichte Frage, denn er stammt aus einem Ort, den es nicht mehr gibt. Obwohl jene Kultur einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen hat, verblasst die Erinnerung an diese Welt, in die Moshe Feldenkrais hineingeboren wurde. Die Rede ist von der versunkenen Welt des osteuropäischen Judentums. Als Moshe in Tel Aviv unterrichtete, gab es dort viele Menschen, die sich daran erinnerten, und vieles, worum es in Making Connections geht, war selbstverständlich. Heute aber - mittlerweile sind Moshe's Lehren rund um die Welt gegangen - gibt es immer weniger Menschen, die sich daran erinnern, woher er stammte und was uns das über ihn und seine Lehre sagen könnte.


Moshe wurde im soggenannten Ansiedlungsrayon geboren, den Gebieten am westlichen Rand des alten Russischen Reiches, heute sind das die Staaten Litauen, Weißrußland, Polen, Ukraine, Moldavien und einige Teile Rußlands. In diesem Gebiet, das vom Baltischen Meer im Nordwesten bis zur Halbinsel Krim am Schwarzen Meer im Südosten reicht, entwickelte sich im Laufe von 900 Jahren die eigentümlichste jüdische Kultur, die die Diaspora jemals hervorgebracht hat. Mit den Worten des verstorbenen chassidischen Gelehrten, Dichters und Bürgerrechtskämpfers Rabbi Joshua Heschel war es an diesem Ort und zu dieser Zeit, dass das jüdische Volk seinen “höchsten Grad an Verinnerlichung” erreichte. Und es ist nicht ohne Zusammenhang, dass es genau an diesem Ort und zu dieser Zeit den geringsten Grad an Integration in die umgebenden Kulturen erlebte.


Das war eine Kultur, die nicht eine sondern drei Sprachen ihr eigen nannte - zwei geistliche und eine weltliche -, eine Kultur, die Gelehrsamkeit und intellektuellem Einfallsreichtum höchsten Wert beimaß. Obwohl der Großteil der Menschen sehr arm war, waren Lese- und Schreibfähigkeit, wenn schon nicht auf Hebräisch und Aramäisch, so zumindest auf Jiddisch, beinahe überall vorhanden. Heschel schreibt über diese Welt, dass in ihr “der Sinn eines Menschenlebens im Vervollkommnen der Welt liegt”. Das waren Moshe's Leute, und das war der Sinn von Moshe’s Lebens - trotz aller Wandlungen, die er durchmachte.


Die chassidische Bewegung, ein spiritueller und sozialer Impuls, der in der heutigen Ukraine seinen Anfang nahm und in seinem weiteren Verlauf das Aussehen der jüdischen Zivilisation veränderte, ist eine der bemerkenswertesten Schöpfungen dieser Kultur. Das Judentum hatte immer eine mystische Seite, die manchmal willkommen geheißen, manchmal mit Distanz betrachtet wurde. Der Chassidismus nahm das Herz der jüdischen Mystik, die Einheit und Untrennbarkeit von Schöpfer und Schöpfung, und setzte sie mitten ins Zentrum des gesellschaftlichen Lebens. Mit seiner charismatischen und warmherzigen Art brachte der Chassidismus dem Europäischen Judentum eine Wertschätzung für die sinnliche Welt zurück, für Musik und Tanz, fröhliche Kameradschaft und die persönliche Verantwortung jedes einzelnen für die eigene Weiterentwicklung.


Moshe's Abstammung mütterlicherseits gilt als zurückgehend auf eine der größten Persönlichkeiten dieser Bewegung, den legendären und verehrten Rabbi-Lehrer-Anführer-Heiler-Ratgeber (viel einfacher ist dafür das hebräische Wort Tzaddik) Rabbi Pinchas Shapiro von Koretz. Moshe sprach oft - und mit Stolz - über diese Verbindung. Auf der väterlichen Seite gab es eine andere herausragende Gestalt, die ebenfalls einen prominenten Platz in Moshe's Selbstverständnis einnahm. In seinem autobiographischen Video (1983) spricht er ausführlich über Rabbi Yonah, “den Guten und Wohltätigen.”


In der Kultur, aus der Moshe kommt, gab es immer eine Vielfalt an Stimmen. Einige waren eher konservativ, und andere, wie die Propheten der Hebräischen Bibel, wüteten gegen die angestammte Ordnung oder machten sich einfach daran, sie zu verändern. Die Tatsache, dass Moshe auf dem Weg zu Israels Staatsgründung Speck aß, schließt ihn nicht aus dem Gespräch mit seinen Vorfahren aus. Wenn Abraham der erste Jude war, dann war er auch der erste Jude, der Götzenbilder zerschlug; und dann gab es die Propheten, und Jesus, und Spinoza, und Marx, und Einstein, und Freud, usw.  Sie verstehen das schon.


Moshe's Leben war darauf ausgerichtet, nicht die Antworten seiner Vorfahren zu wiederholen, sondern dieselben Fragen wie seine Vorfahren so frisch und konkret wie möglich zu beantworten. Und indem er einige alte und viele neue Hilfsmittel verwendete, war er dabei erfolgreicher als viele andere.


Als Rabbi Noah, der Sohn von Rabbi Mordechai, nach dem Tod seines Vaters dessen Nachfolger wurde, da merkten seine Schüler, dass er sich in mehrfacher Hinsicht anders als sein Vater verhielt und befragten ihn dazu:


“Ich mache genau das, was mein Vater gemacht hat,” antwortete er. “Er hat nicht imitiert, und ich imitiere nicht.”


Wer waren Moshe's Chassidische Ahnen, und warum wurden sie so verehrt? Und worum geht es in ihren Lehren, denen zufolge alle Aspekte des Universums nahtlos miteinander verbunden sind und die feinste Bewegung innerhalb eines Bereichs überall zu spüren ist? Und was, so fragen Sie vielleicht, haben diese Abstammungslinie und diese Lehren mit dem zu tun, was Moshe unterrichtete? Diese Fragen gehören zu den vielen, die ich mir stellte, als ich mich auf ein Abenteuer begab - ein Abenteuer, über welches das Buch Making Connections und eine Multi-Media-Präsentation mit dem selben Titel berichten. Ich hoffe, dass sie ein Umfeld schaffen, in dem sich Verbindungen von selbst herstellen.


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1 Abraham Joshua Heschel, “The Eastern European Era in Jewish History,” in Deborah Dash Moore, ed., East European Jews in Two Worlds: Studies from the YIVO Annual (Evanston: Northwestern University Press, 1990) 2.

2 Heschel, 13.

3 Moshe Feldenkrais, autobiographical interview, unpublished video recording (Paris: International Feldenkrais Federation, 1981).

4 Martin Buber, ed., (O. Marx, trans.) Tales of the Hasidim: The Later Masters (New York: Schocken Books, 1948) 157.

 

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